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Vielleicht hast du das schon erlebt: Jemand berührt dich, eine Therapeutin, ein Massagelehrer, oder ein anderer Seminarteilnehmer. Die Berührung ist sehr intensiv, wunderschön, nährend. Obwohl es „nur“ eine aufgelegte Hand ist. Was ist da anders? Warum können manche Menschen berühren, und andere nicht (so gut)?
Kann man Berührung lernen? Können es besonders „Heilerinnen“ oder Therapeuten? Menschen, die mit Menschen arbeiten?

Was macht gute Berührung aus?

Vor Jahren hatte ich im Urlaub eine Session bei einem Bodyworker. Nach einem kurzen Gespräch legte ich mich auf die Liege. Der Raum war wunderschön, mit Kerze und angenehmer Entspannungsmusik. Der Therapeut strahlte Ruhe und Zugewandtsein aus. Ich fühlte mich verstanden und so angenommen, wie ich gerade bin.
Als ich mich hingelegt hatte, legte er ganz in Ruhe seine Hände auf meinen Körper. Eine Hand aufs Brustbein, die andere auf den Bauch. Ich fühlte mich sofort gehalten, beschützt, gesehen. Als wenn er mich durch seine Hände, seine Präsenz ganz „erkennt“, weiß was mit mir ist, mein Herz und meine Seele fühlt.
Die unglaubliche Ruhe und Achtsamkeit (die Urlaubsentspannung tat ihr Übriges) ließ mich schon bei dieser ersten Berührung in meine Prozesse kommen. Tränen flossen, ich war weich, aufgeweicht, ganz nah an meinen Gefühlen und Themen, und es tat so gut, in diesem geschützten Raum zu sein, um sie zeigen zu dürfen und ganz ich selbst zu sein.

Später fragte ich mich: Wie kann es sein, dass diese aufgelegten Hände mich so intensiv berühren können, ganz im Innersten, aber mir auch körperlich absolute Geborgenheit schenken? Mich binnen Minuten mit meinem Innersten verbinden, meinem Kern, meinen Themen, für die man anderwo Stunden reden muss? Ähnliches habe ich später bei anderen spirituellen Körpertherapeutinnen genauso erlebt.

Heute stellt sich mir die Frage: Was ist gute Berührung? Wie lernt man das? Kann man es lernen?

Kann man gute Berührung lernen?

Mit Kolleginnen und Teilnehmern von Kuschelpartys haben wir oft debattiert, ob und wie man schöne Berührungen lernen (oder lehren) kann. Wir sehen, wie Menschen berühren, und wohl jeder hat es schon erlebt, dass er gehalten, umarmt, berührt wird, mit besten Absichten und vielleicht sogar mit Liebe. Aber die Berührung ist nicht „schön“. Sie entspannt nicht, sie ist nicht so, wie man sie gerne hätte.
In Berührungsseminaren wird oft gesagt: Wenn es dir nicht gefällt, sag es. Sag „nicht so schnell“, oder „lieber hier berühren“. Manche machen die Erfahrung: Wenn sich eine Berührung so ganz und gar nicht gut anfühlt, dann nützen solche Ansagen nicht viel; es wird nicht (wesentlich) besser.

„Gute Berührung ist eine Geisteshaltung, keine erlernbare Technik“, sagen manche. Andere sagen, dass es Menschen gibt, die durchaus dazugelernt haben und jetzt viel besser berühren als früher. Das stimmt, das ist mir bei Kuschelpartys und Jahresgruppen schon aufgefallen. Aber auch das andere stimmt: Je zentrierter ein Mensch ist, je mehr er im Reinen mit sich ist, desto klarer steht er in der Welt – und das ist für andere spürbar. Dieser Mensch wird wahrscheinlich anders, ruhiger, schöner berühren als jemand, der unsicher ist, sich nicht wohl in seiner Haut fühlt.

Erstmal bei sich selbst ankommen

Gute Therapeuten nehmen sich einen Moment Zeit, um gut bei sich anzukommen, bevor sie Klienten berühren. Manche beten, bitten die geistige Welt um Unterstützung. Wenn in dir selbst keine Ruhe ist, ist es schwieriger,  anderen Ruhe und Geborgenheit zu schenken.
Jetzt ist man nicht jeden Tag vollständig ausgeglichen, wir sind alle Menschen. Aber auch dann (und dann besonders) kann ich etwas für mich tun: mich zentrieren, meinen Körper spüren, den Alltag für diesen Moment bewusst hinter mir lassen, mich gut hinstellen oder -setzen und einige tiefe Atemzüge nehmen, bevor ich berühre. Und die erste Berührung langsam und achtsam tun. Sich Zeit nehmen, wenn man sich dem Menschen nähert. Sanft in seine Aura eintauchen, ihn nicht durch (zu) schnelle Berührung überraschen. Nähere dich wie in Zeitlupe. Wenn es im Seminar eine Berührungsübung ist mit offenen Augen: nähere dich so langsam, dass der Mensch reagieren kann, zurücktreten kann, falls er die Berührung jetzt nicht möchte.

Berührungsintention

In Gruppen beobachte ich manchmal, dass Menschen, die jemanden berühren in einer Übung, nicht wirklich  „bei der Sache“ sind. Sie schauen sich im Raum um oder schauen weg. Sind mit ihrer Aufmerksamkeit nicht bei dem Menschen, den sie vor sich haben.
Man kann in die Berührug ohne Worte etwas hineinlegen wie den inneren Gedanken „Ich bin jetzt ganz bei dir“, „ich halte dich“, „ich schenke dir Wärme und Geborgenheit“, und sich innerlich auf die Person einstellen. Auch wenn man sie nicht kennt. Sogar wenn man sie nicht besonders sympathisch findet. Wir sind alle Menschen, wir brauchen alle Liebe, Angenommensein und Geborgenheit. Und es ist schön (erfordert meist aber Erfahrung und „Güte“), dies weitergeben zu können, und zwar jedem Menschen. Ganz bei ihm sein, in Liebe und Achtsamkeit. Natürlich ist es wichtig, als Berührende immer auf die eigenen Grenzen zu achten.
Ich bin überzeugt, dass es einen Unterschied macht, ob jemand beiläufig seine Hand auflegt, oder die Intention hat, diesem Menschen Gutes zu tun, für diesen Moment, für diese Übung.

Langsamkeit und Ruhe

Manchmal höre ich bei Verwöhnübungen, dass jemand „zu schnell“ berührt oder streichelt, ausstreicht. Tatsächlich reagiert unser Nervensystem auf sehr langsame Bewegung eher mit Entspannung und Wohlgefühl als auf schnelle. Es ist verständlich, aufgeregt zu sein, bei der ersten Kuschelparty oder einem ersten Date. Manchmal hatte man einen anstrengenden Tag und ist noch im Funktionieren-Modus.
Gerade dann ist es hilfreich, erstmal selbst zur Ruhe zu kommen, wenn man berührt. Atmen. Tief ausatmen. Sich selbst die Hände auflegen, seinen eigenen Körper, den Atem spüren, sein eigenes System erst einmal „herunterfahren“ und beruhigen. Und dann den anderen wahrnehmen, der eigenen Intuition vertrauen, wo und wie man jetzt berührt. Langsam, sehr langsam ins Feld des anderen eintauchen. Erstmal nur Hände auflegen, nicht gleich Streichen oder Massieren. Erst mit den Händen ankommen, verbinden, die Verbindung spüren. Dem anderen das Gefühl geben: Da ist jemand, der dich hält.

Haben-Wollen

Beim Kuscheln oder bei einer Umarmung ist das Schöne, dass keiner gibt und keiner nimmt. Beide geben und nehmen, ganz automatisch. Das macht es so angenehm und so leicht.
Manchmal gibt es aber eine Schieflage: Einer „hängt“ sich in die Umarmung, in die Berührung, nimmt eher als er gibt. Dann entsteht ein Ungleichgewicht, das sich auch für den anderen vielleicht nicht mehr stimmig anfühlt. Ich spüre oder sehe dann große Bedürftigkeit bei diesen Menschen, die Wüste, aus der sie offenbar kommen: lange Zeit ohne Kontakt, ohne Berührung. Es schwingt subtil etwas mit wie eine Forderung, und das stößt manch anderen ab. Besonders schwierig ist, dass dies zum größten Teil unbewusst geschieht und diese Menschen nicht verstehen, warum sie häufig abgewiesen werden.
Absichtslose Berührung ist das Zauberwort. Das kann man lernen und erfahren, wenn man sich darauf einlässt.

Wirklich berühren

Wie kann man so berühren, dass sich jemand wirklich berührt fühlt, an Körper, Geist und Seele?
Neben der Berührungsintention spielt auch die Qualität des Griffs eine Rolle, die Art, wie die Hand berührt. Manche sind vielleicht zu „vorsichtig“, berühren wie flüchtig, „schüchtern“, fassen nicht wirklich an. Es fühlt sich dann vielleicht leer an.
Schwer zu beschreiben. Ich will es so versuchen: Gute Berührung fühlt sich so an, als ob mich jemand hält, wirklich berührt. Mich und meinen Körper fühlt.
Vielleicht hilft hier auch die Vorstellung, die Hände wirklich aufzulegen. Sie sanft, aber spürbar und mit großer Achtsamkeit einsinken zu lassen in die Haut des anderen. Nicht schüchtern, sondern klar und mit Nachdruck. Ein leichter, achtsamer, aber bestimmter Druck. Kein Festhalten, sonder „Erfühlen“, bestärken, wirklich „anfassen“.
Einer meiner Lehrer sagte uns: Es ist eine Ehre für dich, diesen anderen Menschen berühren zu dürfen. Von diesem Gefühl kann ich etwas in die Berührung mit hineinnehmen. Den anderen anfassen wie etwas ganz Kostbares und Wertvolles. Auch wenn ich ihn erst hier im Seminar kennengelernt habe. Jeder Mensch ist kostbar.

Den anderen spüren

Das ist die Königsdisziplin: den anderen spüren, sich hineinspüren. Berühren und sich gleichzeitig so in den anderen einfühlen, dass man entweder intuitiv oder auch durch Signale spürt, was er gerade braucht.
Signale für Nicht-Gefallen können sein: ein leichtes Erschrecken bei neuer Berührung, kaum merkliches Bewegen, wegdrehen, wie um etwas abzuschüttteln. Wenn der Atem nicht mehr sanft und entspannt fließt, gar angehalten wird.
Bei Wohlgefühl wird der Atem ruhiger und länger, die Person „öffnet“ sich, wie Räkeln, der gesamte Körper entspannt. Die Person liegt wie „hingegossen“. Vielleicht entfährt ihr ein leichtes „mhmmm“, ein Seufzen beim Ausatmen. Die Augen sind geschlossen, der Gesichtsausdruck vollständig entspannt. Der Körper öffnet sich kaum merklich hin zu der Person, die gut berührt.
Sensible oder intuitive Menschen spüren oft, was andere brauchen. Sie lassen sich führen und vertrauen ihrer Intuition, zum Beispiel ob es gut ist, eine andere Stelle zu berühren. Sie ändern das vorsichtig, tastend, sind ganz aufmerksam und achtsam, ob es gut angenommen wird und korrigieren gegebenenfalls. So berührt zu werden ist ein Geschenk.
Es muss aber auch nicht ausschließlich intuitiv sein, man darf auch fragen: Wie ist es für dich? stimmt es noch? ist der Druck in Ordnung? Soll die Hand etwas höher? möchtest du eine Decke? liegst du (noch) bequem? Ich habe die Intuition, an deine Füße zu gehen – passt das?

Fazit

Berührung kann man lernen. Davon bin ich überzeugt. Ich glaube aber auch, dass begnadete Berührer einen weiten Weg der Persönlichkeitsentwicklung gegangen sind.
Vielleicht helfen diese Zeilen, das nächste Mal bewusster zu berühren. Ich wünsche es mir und dir.